Kapitel zwanzig
Ich war gerade auf Lucas Schoß eingedöst, da wurde ich durch laute Schritte plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Es war ein regelrechtes Stampfen. Genervt öffnete ich meine Augen und dachte ich träume, als Marcus wie ein Irrer auf uns zu stürmte. Lucas zog sofort seinen Arm von meinen Haaren zurück, die er gerade um seine Finger gedreht hatte.
„DU ARSCH NIMM DIE PFOTEN VON MEINEM MÄDCHEN!!!“, brüllte er und zerrte mich tatsächlich einfach von Lucas weg. Das ging ja gar nicht!
„Spinnst du! Wie viel hast du denn getrunken? LASS MICH LOS!!!”
„Ganz bestimmt nicht mein Schatz“, lallte er und versuchte mich zu küssen.
„Hey spinnst du. Du bist ja voll! Lass sie los!“, mischte sich da Lucas ein, dabei zerrte er mich von Marcus weg und bugsierte mich auf die Sitzbank. Mein Kumpel stand jetzt mit dem Rücken vor mir, ich konnte nichts mehr sehen.
-„EY WAS SOLLTE DAAAAS SPINNSTE DAS IST MEINE FREUNDIN UND ICH KANN MIT IHR MACHEN WAS ICH WILL! DAS IST EIN FREIES LAND!!!!“
Lucas blieb ganz ruhig, nur seine Arme bebten eigenartig: „Du solltest aber auch daran denken was sie will.“
„Mach i do sie mag mi doch a. Oder Mausibärchen du magst mich doch?“, giggelte er und versuchte wieder an mich ranzukommen. Ich bekam langsam Panik, so hatte ich Marcus noch nie erlebt. Naja ich war ja in seiner wilden „Teenieexperimentierzeit“ auch nicht da gewesen.
Ich musste jetzt allen Mut zusammen nehmen. Lucas sah mich fragend an. „Ja Marcus ich mag dich. Aber so wie du jetzt bist mag ich dich nicht…naja so betrunken. Bitte setzt dich auf eine Bank und schlaf deinen Rausch aus, hier hast du auch ein Wasser.“ Ich kramte in meinem Rucksack und reichte ihm die halbvolle Flasche.
„Ich brauch das Babyzeug nicht!“, brüllte er und warf die Wasserflasche zu Boden; „UND ICH BIN NICHT BETRUNKEN! ICH HALT SCHON WAS AUS!!!“
Er versuchte Lucas eine runterzuhauen, doch der konnte seltsamerweise den Schlag locker mit dem Unterarm abwehren.
„Bitte Marcus geh und lass Lucas in Ruhe“, schluchzte ich vor Angst.
Er aber hetzte weiter: „Aha du hältst also zu diesem Weichei, diesen Partyhasser, diesen Spielverderber.“
„Nein ich liebe dich wirklich aber, bitte schlaf dich jetzt aus. Marcus, bitte sei wieder du selbst. Alkohol bringt dir nichts! Lucas ist doch auch dein bester Freund.“ Aufgeben wollte ich jetzt trotzdem nicht, Marcus war mein Freund, ich liebte ihn.
„Pah von wegen Alkohol bringt nichts! Du hast ja nur Angst du Tussi! Medina hat Aaaangst“, grölte er, während er versuchte Lucas weg zu schubsen, was er aber auch nicht hinbekam. Lukas reichte es jetzt aber, er packte Marcus an den Schultern und schubste ihn auf den Teppich vom Mittelgang und schrie: „MEDINA LIEBT DICH VERDAMMT NOCH MAL, DU SOLLTEST GLÜCKLICH SEIN! DU MACHST ALLES KAPUTT!“
Mein Freund richtete sich wieder auf und reagierte sofort:
„ACH JA ICH MACHE ALLES KAPUTT! DAS BIST WOHL EHER DU! WARUM MISCHST DU DICH IN UNSERE BEZIEHUNG ÜBERHAUPT EIN!!! DAS GEHT DICH DOCH GAR NICHTS AN!!!“ Lucas dachte gerade über etwas nach und konnte sich nicht rechtzeitig verteidigen, da traf ihn ein gezielter Schlag von Marcus direkt auf die Nase. Er torkelte nach hinten und fiel direkt vor meine Füße. Sofort war ich wieder bei klarem Verstand. Entsetzt rief ich nach einem der Begleitlehrer, der sofort angerannt kam.
„Was ist passiert Medina?“, fragte er schon im Lauf, doch als er den Tatort sah begriff er sofort. Marcus der immer noch über Lucas stand und gerade auf seinen Arm stieg wurde sofort als Täter erkannt und durfte bei der nächsten Station schon aussteigen und die letzten paar Kilometer zu Fuß nach Hause laufen.
Bei Lucas fehlte zu meiner Überraschung nichts, außer einer blutenden Nase, die mit einem Wattepad verarztet wurde. Ich stand immer noch unter Schock, dass Marcus zu so etwas fähig war und als ich später auf Lucas Schoß saß stiegen mir wieder die Tränen in die Augen.
„Scht Medina, komm beruhig dich. Ich bin doch auch noch da. Das mit Marcus klärt sich schon wieder, er ist wenn er nüchtern ist immer noch derselbe“, flüsterte er und wiegte mich sogar sanft hin und her wie ein Kleinkind.
„Ich wette er hat Maja wieder abgeknutscht“, heulte ich und verbarg mein Gesicht in seinem Oberarm.
„Kann schon sein“, war die nüchterne Antwort. Wenigstens war er ehrlich.
„Ich weiß nicht so recht. Er ist zwar ein super Freund, aber…ich weiß nicht…ich kann ihm irgendwie nicht blind vertrauen. Verstehst du? Nicht so wie dir zum Beispiel“.
„Du denkst also ich wäre ein besserer Freund?“ Seine Stirn war jetzt in Falten gelegt, als müsste er angestrengt nachdenken, wie ein kleiner Welpe, aber sein Blick wirkte irgendwie traurig. Sehr widersprüchlich.
„Nein, ich meine ja…ach ich weiß nicht, wir kennen uns schon sehr lang. Mit dir ist es irgendwie anders als mit Marcus. Den muss ich erst kennenlernen und ich habe Angst, dass ich ihn dann überhaupt nicht mehr mag. Das sich noch mehr so Dinge herauskristallisieren wie heute. Verstehst du?“ Es war gut sich das einmal von der Seele zu reden. Mit Lucas konnte man über alles reden, so auch über die Beziehung zwischen uns, die sich ständig veränderte.
Als der Bus an unserer Haltestelle hielt war Lucas like a Gentleman und nahm meine Reisetasche mit hinaus. Unschlüssig stand ich an der Haltestation als der Bus weiterfuhr. Meine Eltern konnten mich leider nicht abholen weil mein Vater ja einen SO WICHTIGEN Termin hatte und deshalb keine Zeit hatte. Scheiß Managerberuf echt! Meine Mutter, die Theaterschauspielerin, hatte auch einen Auftritt.
Lucas begriff das sofort: „Wirst du wieder nicht abgeholt?“ Ich nickte und lächelte trocken: „Erst setzten sie mich hier ab, dass sie mich los haben und andere für mich da sind und einmal habe ich Ferien, in denen ich noch nicht in der Schule bleiben muss, um für die Prüfungen zu pauken. Da lassen sie mich natürlich auch im Stich. Sie wissen wahrscheinlich nicht einmal, dass ich heute ankomme.“
„Komm mit mir mit. Meine Mama ist auch nicht da, dann kochen wir was und Morgen tauchst du dann bei deinen Eltern auf“, schlug er vor und legte seinen Arm um mich. Natürlich war ich einverstanden, wo sollte ich auch sonst hin? Haustürschlüssel hatte ich nicht. Sie dachten wohl ich würde einbrechen.
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