Kapitel zweiundzwanzig

Da wurde ich plötzlich aus meinen Träumen gerissen. Irgendetwas war runter gefallen. Verschlafen setzte ich mich auf und sah mich in meinem Zimmer um.
Es war sehr klein, jedenfalls kleiner als das in unserem Schloss nahe von München und weiß gestrichen. Die Decke bestand aus Holz und da es ein Fachwerkhaus war, sah man auf der Seite die Stützbalken, an denen ich Fotos von meinen Freunden und meiner Familie geheftet hatte.
Das große alte Himmelbett nahm schon ein Drittel vom Raum ein und gegenüber stand ein alter Holzschrank in dem meine Kleidung aufbewahrt wurde, allerdings nur die Kleidung die ich schon sehr, sehr lange besaß. Den Rest nahm ich ja immer mit ins Internat, oder war in unserem Stammsitz an der Ostsee.
Medina betrachtete gerade interessiert mein Bücherregal und die Andenken aus vergangenen Zeiten die ich darauf platziert hatte. Sie war anscheinend dagegen gestoßen, denn auf dem Boden lag ein aufgeschlagenes Buch, es sah aus wie meine Oliver Twist Erstausgabe.
Prinzessin hatte natürlich gespürt, dass ich sie beobachtete und drehte sich ertappt zu mir um. „Guten Morgen Lucas. Tschuldigung, es war keine Absicht. Das Buch war bestimmt teuer“, murmelte sie und hob den alten Schinken auf.
„Nein nicht so teuer, hab es von einem Bücherbasar“, log ich und gähnte. In Wirklichkeit hatte ich es damals in einer alten Buchhandlung in Hamburg gekauft, in der Charles Dickens eine Signaturstunde gegeben hatte.
„Gut, dann passts ja. Woher hast du denn das da?“ Fragend hob sie eine meiner ersten Ballmasken vor ihr Gesicht.
„Hey sie steht dir super. Ähm die hab ich aus Venedig. Schön oder?“ Es machte mich fertig sie zu belügen, aber ich konnte ja nicht einfach sagen, dass ich sie in der Renaissance bei einem Ball der Queen getragen hatte. Sie würde mir nur den Vogel zeigen.
„Ja sie ist richtig toll. Kann ich einen Pulli von dir haben? Mir ist total kalt. Ich hab meinen in der Schule vergessen und der hier ist total voll Majo“. Ich nickte und wollte gerade einen aus der Tasche holen, da machte sie einfach den Schrank auf und quietschte vor Freude auf, denn zum Vorschein kamen: Reithosen, Ballkleider meiner Mutter, mehrere Röcke die Männer im 16.Jahundert trugen, Pumphosen, Ballschuhe für Männer und Frauen, einfache Arbeiterkleidung vom Industriezeitalter, Kleider die in den 50ern in waren und so weiter.
„Ist das schön“, hauchte sie und zog ein blassrosa Kleid aus dem Schrank, das eine Zeit lang im 16. Jahrhundert total modern war und das sich Mutter natürlich zugelegt hatte. Das Mädchen das mich so an Medina erinnerte, trug dieses Modell auch als ich sie zum letzten Mal sah.

„Probiers an.“ Das war meine Mutter die gerade ins Zimmer getreten war, „Müsste dir passen, war damals ungefähr genauso groß wie du.“
-„Woher haben Sie das?“
„Hatte ich bei einem Faschingsball in der Schule getragen und meine Eltern waren sehr reich, deshalb konnte ich mir ein richtiges Prinzessinnenkleid leisten“, antwortete Lucy ohne mit der Wimper zu zucken und kramte weiter im Schrank, „Hier sind auch die passenden Schuhe. Komm trau dich Mädchen, wir machen ein wunderschönes Foto mit dir und Lucas vorm Weihnachtsbaum. Ihr werdet aussehen wie ein Königspaar.“
Sie reichte Medina noch die Schuhe und mir meinen schönsten Rock in weinrot, plus alberner Pumphose, Bluse und Schnallenschuhen.

Prinzessin freute sich natürlich tierisch und folgte meiner Mutter um sich noch den passenden Schmuck auszusuchen.
Ich zog mich auch um. Die Kleidung passte noch perfekt, kein Wunder wenn man seit 400 Jahren oder so nicht mehr gealtert war. Ich war nur ein bisschen muskulöser geworden, das war aber schon alles. Als ich mich im Spiegel sah musste ich grinsen. Ich sah wirklich aus wie damals auf den Bällen. Meine Haare fielen mir locker in die Stirn und ich erinnerte mich noch wie ich darunter immer die Narben vom Kampf versteckt hatte, obwohl es meistens nur Unfälle gewesen waren. Ich war so ein guter Fechter gewesen, dass ich mich nie verletzt hatte außer ein paar Striemen am Arm. Ich entdeckte meine Soldatenuniformen, die auch nebeneinander im Schrank hingen. Sie waren mir immer die liebste Kleidung gewesen. Immer hatte ich nach neuen Schlachten und Abenteuern gesucht. Erst Recht wenn eine große Liebe nach der anderen langsam unter die Erde gewandert war. Um mich vollständig zu fühlen legte ich mir also auch noch meinen Gurt mit dem Degen um. Ich trank noch einen Schluck aus meiner Wasserflasche und dann lief ich hinunter ins Kaminzimmer, wo der Christbaum stand.

Als ich Medina sah, erstarrte ich erst einmal zu einer Salzsäule. Sie sah aus wie Maria. Ihre Locken waren mit einem grazil gearbeiteten Diadem verflochten und auf ihrem weit ausgeschnittenen Dekolleté ruhte ein aus Brillanten gearbeitetes Collier. Sie sah wunderschön aus, wie eine richtige Prinzessin. Das Korsett war sicher unbequem aber sie strahlte als wäre sie noch nie so glücklich gewesen.

„Du siehst fantastisch aus“, flüsterte ich und küsste breit grinsend ihre Hand. Ich war wieder komplett in meiner Rolle. So fühlte ich mich am besten, das war die Umgebung in der ich aufgewachsen war, die Zeit meiner Kindheit.
„Du aber auch“, kicherte sie nervös, ich nahm an, dass sie Angst hatte das kostbare Kleid kaputt zu machen. Es musste sicher auch schwer sein mit dem Korsett zu atmen wenn man es nicht gewohnt war, obwohl sie sicher so ein Hi-Tech Teil von meiner Mutter bekommen hatte, welches die Daya Schneiderei anfertigen konnte und einem das Atmen erleichtern sollte.
Mama wies uns gleich in ihren super Foto Plan ein: „Lucas du setzt dich jetzt da in diesen Sessel und Medina stellt sich hinter dich und legt die Hände auf deine Schultern. Genau so perfekt!“
Mutter hatte noch ihre ganz alte Kamera ausgepackt, sie meinte immer mit dem Ding könne man die besten Fotos schießen. Sie machte sogar noch richtig Puff und so, wie in dem Film Nesthäkchen.
Als das Foto fertig war, und Mama verschwand um das Meisterwerk zu entwickeln, hatte ich eine super Idee.
Ich lief hinüber zu der Plattensammlung und wählte meine Lieblingsscheibe aus, dann schlenderte ich zu dem alten Grammophon und legte die Nadel auf die richtige Stelle. Bald ertönte einer der schönsten Walzer den es jemals gab.

Ich machte einen Diener vor ihr und reichte ihr meine Hand. Ich fühlte mich wie damals mit Maria im Ballsaal. Ob Medina wohl eine ebenso gute Tänzerin war?
„Würden sie mir die Ehre erweisen und einen Tanze mit mir wagen“, forderte ich sie auf und grinste dabei breit.
„Natürlich holder Herr“, lachte sie und bald wirbelten wir zu der klassischen Musik durch das Weihnachtszimmer. Am Anfang brauchte sie ein bisschen um rein zu kommen, doch man merkte, dass sie durch das Ballett ein gutes Taktgefühl hatte.

Plötzlich entdeckte ich meine Mutter, sie stand traurig im Türrahmen und schaute an uns vorbei aus dem großen Fenster. Sie dachte bestimmt an meinen Vater. Die beiden waren ein wunderbares Ehepaar gewesen und liebten das Tanzen. Sie tanzten oft einfach im Wohnzimmer gemeinsam, während ich mit meinem Kindermädchen mit Zinnsoldaten spielte.
Die beiden liebten sich so sehr, auch schon vor der Verbindung durch Mamas Kuss. Sie waren bis zu seinem schrecklichen Tod unzertrennlich.
„Ist alles gut Lucy?“, riss Medina sie aus ihren Gedanken, „Du siehst traurig aus.“
„Nein, nein alles bestens. Ihr seht nur so schön zusammen aus.“ Schnell wischte sie sich eine Träne von der Wange und atmete tief ein und aus.
„Dankeschön, ja mit Lucas tanze ich am liebsten.“ Sie lehnte sie lächelnd neben mich und ich musste auch grinsen.
„ECHT jetzt, ich dachte du kennst noch andere Jungs, die Walzer tanzen.“ Künstlich überrascht riss ich meine Augen auf.
Medina lenkte kichernd ein: „Na gut, ich habe nicht viel Auswahl. Mein Freund tanzt nicht gerne.“
Jetzt musste meine Mutter auch lächeln: „Zum Glück habe ich ihn damals zum tanzen gedrängt. Wollt ihr euch jetzt frisch machen?“
Wir nickten beide und ich belegte das kleinere Bad mit Dusche, meine Mutter musste Medina mit dem Kleid noch helfen und eine Badewanne würde ihr sicher auch gut tun.

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