Kapitel achtundzwanzig

Da klingelte es an der Tür und ich stand mit einem hörbaren Seufzen vom Tisch auf.
Meine Mutter bot an zur Türe zu gehen, doch ich schüttelte den Kopf. „Nein passt schon, ich gehe schon.
Höflich fragte ich durch die Gegensprechanlage wer uns besuchen wollte, doch als ich die Antwort bekam musste ich vor dem Hereinlassen erst mal tief einatmen.
„Du kannst rein kommen.“
Bevor die Türe aufging hörte ich noch ein „Dankeschön sehr freundlich“.
Ich hatte keinen regelmäßigen Kontakt zu meinem jüngsten Bruder Arvid, seitdem er auf der Kampfakademie angefangen hatte. Nun war er seit zwei Jahren voll ausgebildeter Soldat und leitete eben jene Truppe die ich bald in Afrika übernehmen wollte. Dazwischen machte er Geheimaufträge, wie das Bewachen von Auserwählten oder Anschläge auf gegnerische Gemeinschaften. Menschliche Nachkommen wie er waren für die Gemeinschaft zwar wichtig aber hatten keinen hohen Stellenwert.
„Hallo wie geht es dir?“ Grinsend umarmte er mich und zog dann seine festen Lederstiefel auf der Fußmatte aus.
„Sei nicht so laut“, zischte ich genervt zurück und nahm ihm die Jacke ab.
„Wieso Lucas? Ist ein Feind anwesend der mich nicht sehen darf?“ Er musste sich sichtbar das Lachen unterdrücken.
Nervös strich ich mir durch die Haare. „So ähnlich, geh in dein altes Kinderzimmer, ich kommen gleich und erkläre dir alles.“
Seine ganze Körperhaltung zeigte, dass er darauf so gar keinen Bock hatte. Arvid war jetzt 23 Jahre alt geworden und man sah ihm seine militärische Erziehung richtig an. Er war eher klein aber sehr muskulös gebaut und ich wusste, dass er einen mit bloßen Händen auf alle erdenkliche Weise töten konnte. Seine großen braunen Augen konnten sofort jede Situation einordnen und seine schwarzen Haare waren, wie es in der Armee Vorschrift war, abrasiert. Durch seine langen Aufenthalte in Wüstenregionen war seine Haut sonnenverbrand .
-„Ich muss aber sofort mit dir sprechen Lucas!“
-„Arvid ich bin gleich da! Versprochen!“
Genervt stapfte Arvid die Stufen in den ersten Stock nach oben. Dort lag sein Kinderzimmer.

Erleichtert atmete ich aus und setze mich zurück an den Frühstückstisch, wo Medina gerade in ein Marmeladenbrot biss.
„Mama wir haben Weihnachtsbesuch“, gab ich Mutter einen Hinweis. Sie stand auf und räumte still die Teller weg.
„Warum setzt er sich nicht zu uns? Wir haben noch Tee“, wandte Medina ein und deutete auf die Kanne.
Ich jedoch wehrte hektisch ab: „Nein nein, er möchte uns keine Umstände machen. Medina, du musst dich sowieso noch für den Tag schick machen.“
Sie blickte an sich herunter. Jogginghose und Pulli waren jetzt wirklich nicht so schick, dabei stand es ihr natürlich ausgezeichnet. Plötzlich knarkste die Türe und ich war mir sicher einen muskulösen Arm gesehen zu haben.
„Okay, dann gehe ich schnell nach oben und ziehe mich um. Freue mich schon sehr auf das Musical im Theater, auch wenn da meine Mutter mit spielt, weißt du.“ Sie redete immer weiter und ich schob sie schon fast die Treppe nach oben.
Die Türe zu Arvids Zimmer stand offen und ich versuchte sie möglichst leise in ihr Zimmer zu bugsieren.
„Hey was soll das?“, zischte sie als wir in ihrem Zimmer angekommen waren, doch darauf ging ich gar nicht ein.
„Mach dich ganz hübsch. Freu mich schon!“
Hastig schloss ich die Türe hinter ihr und machte mich bereit meinem Bruder gegenüber zu treten, der sicher viele Fragen hatte.

„Der Feind schaut aber eigentlich recht hübsch und freundlich aus.“
„Naja ich glaube ich muss dir, was Medina betrifft, einiges erklären.“ Mit einem nervösen Lächeln fuhr ich mir durch die Haare.
„Nicht nur was Medina betrifft.“ Mein Bruder stand von seinem Kinderbett auf und betrachtete mit dem Rücken zu mir sein altes Holzspielzeug.
Vorsichtig berührte ich seine Schulter und fragte ruhig: „Warum bist du hier Arvid?“
„Naja, Kamit hat mir letzte Woche unterbreitet, dass du ab Februar meine Truppe übernimmst und ich wollte erfahren was der Grund dafür ist.“ Seine Stimme klang wütend und ich sah wie seine definierten Muskeln sich anspannten.
„Das ist eine lange Geschichte und es hängt tatsächlich mit deiner Frage zu Medina zusammen.“ Das kleine Bett knackte verdächtig als ich mich darauf setzte. Ich dachte es wäre eine gute Idee einmal mit jemanden über meine Situation zu reden, der keine Frau war. Vielleicht hatte mein jüngerer Bruder mehr Verständnis als die weiblichen Dayas.
„Tja, da bin ich jetzt aber neugierig.“

Und so begann ich Arvid zu erzählen, was meine aktuelle Situation war: „Es ist so, dass das Mädchen wo gerade zu Besuch ist, also Medina, meine Auserwählte ist. Sie ist 18 und ja sie ist die gleiche Medina mit der du früher schon Kontakt hattest.“
Mein Bruder starrte mich erstaunt an und kramte sein Handy aus der Tasche. Eine Pause entstand, in der er hastig auf dem Bildschirm herum tippte.
Als er gefunden hatte, was er suchte, streckte er mir ein Foto von der 14 Jährigen Medina entgegen. Sie stand neben meinem Bruder und er hatte lässig den Arm um sie gelegt. Das Foto war von einer Familienfeier, bei welcher Medina auch dabei sein konnte. Sie hatte sich gut mit meinem Bruder verstanden und lange mit ihm geredet. Erinnerungen wird sie daran allerdings nicht viele haben, dafür war das Aufeinandertreffen zu kurz. „Meinst du diese Medina?“
Ich nickte und Arvid grinste: „Da hast du aber Glück bei deiner Auserwählten. So ein tolles Mädchen hab ich selten gesehen, auch wenn sie eine sehr rebellische Seite hat, wird die Gemeinschaft durch die Verbindung sicher Vorteile haben. Wurde es im Rat schon mit Blut offizielle gemacht oder wie ist der aktuelle Stand?“
„Ja sie wurde schon von Mary bestätigt. Bestes Ergebnis! Ich bin mir aber eigentlich schon seit September zu 100% sicher, nachdem ich sie nach zwei Jahren endlich wieder gesehen habe“, fuhr ich mit dem persönlichen Lagebericht fort, „Ich habe das Gefühl schon bei 10 Frauen gehabt und kann es mittlerweile gut zuordnen. Geküsst habe ich sie noch nicht und auch  nicht vor die Verbindung auf diesem Wege einzugehen, ich denke die Injektion ist ein sichererer Weg ohne größere Komplikationen. Du warst ja auch schon bei vielen Verbindungen als Wache anwesend und hast sicher gesehen, was alles schief laufen kann, deshalb will ich medizinische Betreuung gewährleisten. Was mich auch abhält ist die Tatsache, dass sie noch sehr jung ist. Sie wird am Tag bevor ich deine Einheit übernehme erst 19 Jahre alt. Die Gemeinschaft würde sofort erwarten, dass sie schwanger wird und mit mir in das Haupthaus zieht. Kann ihr das nicht antun!“
Arvid hatte ruhig zugehört und seine Wut war anscheinend komplett verflogen. Nachdenklich saß er mir gegenüber auf einem Drehstuhl und seine großen braunen Augen fixierten das Flash Poster an der Wand hinter mir.
„Du willst also wie Flash einfach weg laufen und zwar vor deiner Verbindung? Du weißt aber schon, dass du dadurch Kamits größten Plan aufs Spiel setzt? Außerdem bringst du dich in Afrika in Lebensgefahr! Und was ist wenn Medina etwas passiert?“, redete er in mein Gewissen.

„Ja ich will weg gehen. Sie darf vor der Verbindung nicht von unserer Gemeinschaft erfahren und deshalb möchte ich sie so lange es geht davor bewahren in die ganze Sache hineingezogen zu werden. Sie kann ja nicht selbst entscheiden. Damit wäre jetzt denke ich auch geklärt, warum du mir deine Soldaten übergeben wirst.“
„Und wenn ich das nicht unterstützen möchte?“ Arvid stand auf und blickte aus dem kleinen Fenster auf die angrenzende Terrasse. Diese war zwar überdacht aber etwas Schnee war trotzdem zu sehen. Seine Hände waren in den Taschen vergraben, doch ich konnte erkennen, dass sie zu Fäusten geballt waren. Ich hatte Verständnis dafür, dass er seine Truppe behalten wollte, doch ich stand im Vordergrund. Außerdem hatte er als Menschgeborener gar nichts zu sagen, schon gar nicht in meiner Verbindung mit Medina.
„Was bringt dich dazu dich dagegen zu stellen Arvid? Du kannst nichts aufhalten was Kamit schon beschlossen hat! Außerdem bist du mein Bruder, du musst mich unterstützen.“
Arvid drehte sich langsam um und deutete still aus dem Fenster. Medina saß in ihrer blauen Winterjacke auf der Holzbank und rauchte eine Zigarette. Sie blickte nicht in unsere Richtung. Ihr Gesicht war in Richtung Wald gerichtet.

„Es geht mir vordergründig gar nicht um meinen Job bei dem Militär, den mache ich ehrlich gesagt gar nicht so gerne. Ich bin ein guter Offizier aber ich habe schon genug Menschen getötet und Freunde verloren. Eine ruhigere Aufgabe als Bodyguard würde mir schon genügen und ich hätte endlich wieder eine schöne Unterkunft“, antwortete mein Bruder und beobachtete weiterhin die rauchende Medina. Seit wann rauchte sie überhaupt wieder? Seit den Problemen mit Marcus?
„Um was geht es dir dann? Willst du mehr Geld? Oder Einfluss?“ Ich war jetzt wirklich genervt, es war doch wirklich egal ob ein Mensch uns unterstützen wollte. Wieso hatte er dann überhaupt etwas dagegen?
„Es geht darum, dass mir die Gemeinschaft und der Schutz von einer Auserwählten am Herzen liegt. Sie ist die Auserwählte von meinem Bruder.“ Er hielt inne und deutete auf Medina, die jetzt aufstand. „Wenn du gehst könnte irgendwas passieren, dass die Verbindung mit ihr gefährdet und damit auch Kamits Plan Nachkommen von dir zu zeugen.“
Arvid drehte sich immer noch nicht zu mir. Ich hatte irgendwie das ungute Gefühl, dass er nicht nur an die Gemeinschaft dachte.

Medina hatte schon ein Petticoat Kleid angezogen, der weit ausladende Rock schaute unter der Jacke heraus und sie sah so süß damit aus. Verspielt drehte sie sich einmal im Kreis, wobei ich sie gebannt beobachtete.
Plötzlich blieb sie stehen und schaute in unsere Richtung, grüßend hob sie ihre Hand und Arvid wandte sich schnell vom Fenster ab. Die Arme verschränkt blickte er mich fragend an und ich meinte nur: „Ich bleibe bei meiner Entscheidung. Du hast jetzt ja gesehen wie verspielt sie teilweise noch ist. Ich verschaffe ihr Zeit.“

„Gut Lucas, wie du meinst. Ich werde dich natürlich unterstützen, aber pass gut auf dich auf. Bei jedem Plan kann etwas schief gehen, egal wie sehr man alles bedacht hat. Zu jedem Spiel gehört mehr als eine Person.“ Seufzend rieb sich mein kleiner Bruder über seinen rasierten Schädel, er machte sich wohl tatsächlich Gedanken um meine Sicherheit.
„Arvid mach dir keine Sorgen. Selbst wenn etwas dazwischen kommt, kann ich ihr meine Gene in einer weniger sicheren Situation injizieren. Also so viel kann mir nicht passieren.“ Ich musste kurz lachen, bis ich seinen ernsten Gesichtsausdruck sah.
„Das ist nicht dein Ernst! Du weißt doch was mit Auserwählten passiert, die bei der Verbindung keine starken Gefühle für die Dayas empfinden. Willst du das riskieren Lucas?“
Er konnte meine Meinung nicht mehr ändern: „Ja ich riskiere das.“

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