Kapitel neunundzwanzig

„Kannst du mir Medina einmal vorstellen Lucas?“, fragte mein Bruder und ich dachte nach, wollte ich, dass sie ihn vor der Verbindung traf oder nicht? Sie hätte mit ihm endlich eine Person in meiner Familie, die sie nicht nur als meine Auserwählte sehen würde.
„Okay, komm mit runter Arvid. Medina und Mama freuen sich sicher.“
Grinsend kam er mit zur Türe und als wir in den Gang traten sagte er: „Ich bin schon mega neugierig wie die Frau so ist! Ich meine sie wird dich spätestens in einem Jahr heiraten!“

Medina stand in der Küche an der Theke und machte gerade eine Kanne Tee, als wir durch die Türe traten. Sie ging sofort offen auf Arvid zu und begrüßte ihn: „Hallo, ich bin Medina, eine Freundin von Lucas aber das weißt du sicher schon.“
Mein Bruder nickte und zeigte ein strahlendes Lächeln: „Ja Lucas hat mir schon viel erzählt. Ich bin Arvid Lucas Halbbruder, ich bin allerdings nicht sehr häufig hier, wohne hauptsächlich im Iran bei meinem Vater.“
„Deshalb habe ich dich noch nie gesehn“, schlussfolgerte sie und reichte ihm eine Tasse Tee, „Ich hoffe du magst Früchtetee.“
„Klar, Dankeschön.“ Er nahm die Tasse entgegen und ging zu meiner Mutter ins Wohnzimmer.

„Warum hast du mir nie von ihm erzählt Lucas“, zischte meine beste Freundin und ich blickte verlegen zu Boden.
„Ich dachte du wirst ihn eh nicht so bald sehen, er wohnt ja sehr weit weg“, seufzte ich und nahm ebenfalls eine Teetasse entgegen.
„Er gehört zu deiner Familie! Außerdem scheint ihr euch ja gut zu verstehen! Das verstehe ich jetzt wirklich nicht!“
„Hm du hast Recht aber ist doch super, dass du ihn jetzt kennenlernst“, gab ich zurück und Medina nickte.

Wir setzten uns zu Arvid und meiner Mutter und redeten über die nächsten Tage.
Meine Mutter lud ihn zu Sylvester ein, was wir in einem feinen Restaurant in der Stadt feiern wollten.
„Ja ich komme gerne,  aber ich möchte im Anschluss noch richtig mit Lucas und Medina feiern“, willigte Arvid ein und grinste uns breit an. Mein Blick schweifte zu Medina und djese lächelte ebenfalls mit strahlenden Augen.
„Oh toll, endlich wieder tanzen gehen! Lucas komm das wird lustig!“ Medina war sichtlich aufgeregt und wohl kurz davor am Stuhl auf und ab zu wackeln. Ich hatte aber eher weniger Bock auf einen Club-Abend.
„Können wir nicht einfach nur essen gehen und danach in eine Bar? Wir können ja hier dann tanzen“, seufzte ich, doch die anderen schüttelten die Köpfe.
„Kommt berücksichtigt Lucas auch,“ mischte sich da plötzlich meine Mutter ein und Arvid zog kritisch seine Augenbrauen hoch.
„Mam da kannst du dich raushalten. Es steht zwei zu eins, also ist es beschlossen und Lucas ist sicher alt genug um damit klar zu kommen.“
Anscheinend hatte meine Mutter mit ihrer Aussage einen sensiblen Nerv getroffen, denn Arvid blickte sie finster an.

„Es ist doch immer besser einen Kompromiss zu machen. Wäre Bar und hier tanzen nicht auch was tolles?“, beharrte meine Mutter auf ihrem Standpunkt und langsam wurde es mir selbst unangenehm, denn ich wäre eigentlich auch mit einem Club einverstanden gewesen wenn es keine andere Wahl gab. Meine Mutter allerdings musste mich laut Dayagesetz verteidigen, denn es galt die Regel: Dayakind immer vor Menschenkind. In jeder Situation musste meine Mutter also hinter meinen Wünschen stehen und meine Geschwister in allen Jahrhunderten hatten das Nachsehen. Wir hatten das Arvid natürlich schon in seiner Kindheit erklärt, warum ich meist im Mittelpunkt stand. Doch trotzdem war es für ihn hart gewesen in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in welcher Menschen nicht den höchsten Stellenwert hatten.
Arvid wurde aber so zu einem starken Mann, der sich allen Problemen selbst stellen konnte. Auch wenn es mir viele Vorteile gab, fand ich diese Regelung alles andere als gut. Es brachte eine Kluft zwischen Geschwister, die zwar nicht die gleiche Spezies waren aber doch zu einer Familie gehörten.

„Na gut wir gehen in eine Bar und dann gleich nach HAUSE“, knurrte mein Bruder und es breitete sich ein klein wenig Freude in mir aus. Medina war damit auch einverstanden und meine Mutter atmete erleichtert aus, sie sah die Wut in Arvids Augen zwar aber ignorierte sie gekonnt.
„Bleibst du bis Neujahr bei uns mein Sohn oder wo übernachtest du?“, erkundigte sie sich freundlich und ein warmes lächeln breitete sich über ihr Gesicht aus.
„Nein ich habe eine Wohnung in Regensburg für die nächste Zeit gemietet“, Arvid lächelte gezwungen zurück und stand langsam auf, „Ich würde jetzt gerne gehen. Die Fahrt nach Regensburg war lang und ich werde langsam müde. Wollen wir eine Chatgruppe für Sylvester eröffnen?“
Meine beste Freundin und ich nickten. Als wir ihn zur Türe begleiteten bemerkte ich wie Medinas Augen Arvid fixierten, irgendwie bekam ich ein schlechtes Gefühl.
An der Türe umarmte ich meinen Bruder herzlich und wir versprachen uns, vor Sylvester noch alles in Ruhe zu planen. Medina umarmte ihn mit etwas Abstand und winkte ihm mit breitem Grinsen hinterher, als er in seinen neuen BMW stieg.
Mein Bruder verdiente mit seinem Job beim Militär sehr viel Geld und hatte mehrere Wohnungen in verschiedenen Städten. Das Wohnen im Hauptquartier in Regensburg lehnte er strikt ab, was ich nicht nachvollziehen konnte. Es war ein riesiger unter- und oberirdischer Komplex mit Wohnungen, Kindertagesstätten und Einkaufsmöglichkeiten und somit war man als Mitglied der Gemeinschaft rundum versorgt. Doch natürlich konnte ich nicht einschätzen, wie sich ein menschliches Dayakind dort fühlte. Meine Mutter und ich hatten zwar eine große Wohnung dort, doch bevorzugten meist unsere eigenen Immobilien, die mit vielen Erinnerungen verbunden waren.

Als ich nach dem Theater in meinem weichen Bett versinken wollte klingelte überraschend mein Handy. Auf dem Bildschirm erschien das grüne Symbol eines Messangers und die Benachrichtigung, dass 15 neue Nachrichten in der Gruppe „Sylvester“ eingegangen waren.

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