Kapitel sechsundzwanzig

„Medina mach auf! Ich weiß ja nicht einmal was los ist! Komm doch runter die Bescherung fängt gleich an!“ Das war schon mein fünfter Versuch, deshalb riss ich jetzt einfach die Türe auf. Das einzige was im Zimmer etwas wie Medina aussah, war ein Deckenhügel auf ihrem Bett.
„Prinzessin was ist denn?“ Ich setzte mich vorsichtig neben ihre Deckenburg.
„Nenn mich nie wieder Prinzessin du Arsch! Ist das da unten auch eine deiner Prinzessinnen? Hau ab!!!“, kreischte sie da und versuchte mich aus dem Bett zu schubsen.

„Du denkst Nele und ich wären…Medina das ist albern. Ich und Nele waren früher zusammen auf der Da... äh auf einer Elite Schule und im Kindergarten. Ihre Eltern sind früh gestorben und sie hat eine kurze Zeit hier gewohnt. Sie kommt jedes Weihnachten zu uns und wir üben oft Geige miteinander, mehr ist das nicht! Hey warst du etwa eifersüchtig?“ Ich musste lachen doch Medina sah mich noch zorniger an.
„Du findest das vielleicht albern aber du wärst nicht der einzige Junge der mir was bedeutet und noch ein Doppelleben führt.“ Sie zog die Decke zurück und ihre rotgeweinten Augen leuchteten vor Zorn.
„Ich weiß Medina aber ich schwöre, dass zwischen mir und Nele nie etwas sein wird! Wir sind nur beste Freunde. Du bist übrigens süß wenn du eifersüchtig bist“. Ich wollte einfach, dass sie es mir glaubte.
Ich und Nele kannten uns von der „Daya Mittelschule“ auf die ich vor 100 Jahren ging. Sie war die einzige Daya mit 400 die nicht nur ihre Schönheit toll fand.
„Lern sie doch erst einmal näher kennen, ihr würdet euch sicher super verstehen“.
„NIEMALS!“, schrie sie und schaffte es jetzt tatsächlich mich aus dem Bett zu schmeißen.

„Bitte Medina komm runter. Ich und Mama würden dir gerne die Geschenke geben und deine Eltern haben ihre auch vorbeigebracht. Komm mit mir. Bitte!“
-„Nur wenn du endlich einsiehst, dass dich diese Tussi mit diesem schmachtendem
Blick ansieht.“

Ich denke sie hatte sich umentschieden, weil sie das Wort Geschenk gehört hatte.
Mir war es egal. Die Hauptsache war ja, dass sie endlich rauskam. 

Sie zog sich schnell im Bad ihr Weihnachtskleid aus rotem Samt an. Um ihren Bauch band sie sich eine blaue Schärpe und tat sich etwas Puder drauf. Sie sah in meinen Augen viel schöner aus als Nele, auch wenn das viele Typen sicher nicht so sehen würden.
„Du siehst wunderschön aus“. Als Antwort schnaubte sie nur und ging mit erhobenem Kopf so elegant wie sie nur konnte die Stufen ins Wohnzimmer hinunter.
Die Bescherung lief sehr kühl ab. Bei meiner Mutter bedankte Medina sich herzlich für das Diadem, das ihr so sehr gefallen hatte. Die Geschenke ihrer Eltern öffnete sie ohne ein Wort und stopfte das Fußballtrikot, die teure Tasche und den Tragbaren Fernseher einfach in eine Plastiktüte.

Dann kam mein Geschenk. Mit klopfenden Herzen stand ich auf und reichte ihr ein Päckchen, dass ich mit Seidenpapier umwickelt hatte.
Nele hatte ich ihr Geschenk schon gegeben, ein Buch über die Schreibweise von Goethe aus dem 18. Jahrhundert. Sehr interessant.
Gespannt riss Medina das Papier runter und starrte auf den Inhalt. Es war ein wunderbares Kleid, so ähnlich wie das, das sie von meiner Mutter anprobiert hatte.
Himmelblau mit silbernen Stickereien verziert und einem leichten Korsett. Ich hatte es einmal für eine Schwärmerei im 16. Jahrhundert gekauft, es aber nie her geschenkt. Es war wie neu und bestimmt in ihrer Größe.

„Gefällt es dir?“, erkundigte ich mich vorsichtig.
„Es ist ein Traum“, hauchte sie und hob es vorsichtig aus seiner Verpackung.
Da kam Marys Verlobter ins Wohnzimmer (Wir mussten ihn einladen, sonst wäre meine Tante niemals aufgetaucht) und grunzte: „Dann passt es ja, alle sind zufrieden. Können wir jetzt essen!“
Also nahmen wir alle an der großen Tafel im Speisesaal Platz, die unter der Last der leckeren Speisen fast zusammenbrach. Es gab Salate, Würstchen, Truthahnfleisch und einen schimmernden Pudding, welcher nur von Dayas gegessen werden durfte.
Er bestand aus einer geheimen Gewürzmischung, für welche auch für Menschen giftige Pflanzen verwendet wurden und meine Mutter verzierte ihn dann noch mit Diamantsplittern die aussahen wie Schnee.

„Was ist das?“, fragte Medina und deutete auf die Süßigkeit.
„Pudding, aber der schmeckt dir sicher nicht, es sind Rosinen drin“. Ich wusste, dass sie Rosinen über alles hasste, wenn sie irgendwo rein gemischt waren.
-„Stimmt, ich esse, dann lieber ein Stück Kuchen. Aber erst Truthahn.“

Hungrig stürzten sich alle auf das Essen und unterhielten sich fröhlich mit den anderen. Der Weihnachtswein verteilte sich ausgiebig auf alle Gläser (auch auf Medinas) und Medina begann tatsächlich ein Gespräch mit Nele über und ich redete mit meinem „fast Onkel“ Mike über Hochzeiten.
„Ich wollte ja so eine Rockerhochzeit, denn Leder steht ihr, aber deine Tante steht eher auf Romantik. Naja passt zu ihr und wenns die Hochzeitsnacht schöner macht", seufzte er und schmatzte laut. Ich fragte mich immer mehr, wie sie es mit dem aushielt, er war so ein Schwein. Aber gegen Prägung konnte man eh nix machen.

„Ja, ist sicher hilfreich“, seufzte ich und beugte mich tiefer über mein Essen um ihm den Hinweis zu geben, dass ich keine Lust hatte mit ihm zu reden.
Aber er kapierte den Wink mit dem Zaunpfahl nicht und führte das Gespräch weiter: „Ist die Süße dahinten eigentlich deine Freundin? Also ich würde die mir sofort schnappen wenn ich in deinem Alter wäre.“ Er deutete auf Nele, die gerade eine glänzende Haarsträhne um ihren Finger wickelte.
-„Nein, sie ist bloß eine Freundin der Familie und das Mädchen dort drüben, das ist meine beste Freundin, eine feste habe ich zurzeit nicht. "
„Achso, ich verstehe.“ Ich war mir sicher er hatte alles falsch verstanden und wandte mich von ihm ab.

Ich „freute“ mich schon auf die nächsten Familienfeiern bei denen er anwesend sein würde. Nach dem Essen legte meine Mutter eine klassische Weihnachtsschalplatte auf und alle, schon leicht angetrunkenen, Gäste nahmen sich einen Partner und tanzten dazu. 

Nur Medina stand verwirrt abseits, so als wüsste sie nicht wohin sie gehen sollte.
„Willst du auch tanzen?“, fragte ich sie und sie schüttelte traurig den Kopf.
-„Ist etwas passiert? Ist dir schlecht?“
Sie nickte und zückte ihr Handy, tippte ein bisschen darauf herum und gab es mir dann. Jetzt verstand ich warum sie so fertig war. 

Auf dem Bildschirm flimmerte eine E-Mail, die von Eva kam und als Inhalt ein Bild von Marcus mit einem Mädchen hatte, das er wild abknutschte, darunter stand: Medina ich weiß, es ist blöd, das dir heute zu zeigen, aber ich will das du die Wahrheit weißt. Es tut mir so leid. Das Bild hat Maja ins Netz geladen und drunter geschrieben: „Medina zum Glück hast du ihn jetzt.“ Ich hab sie allerdings gezwungen es wieder zu löschen. Alles wird gut. Marcus entschuldigt sich sicher bei dir, so ein Typ ist er eigentlich nicht.

„Medina du hast doch gesehen wie betrunken er war, das war sicher nicht beabsichtigt. Die Tussi hat sich sicher auf ihn gestürzt und ihn abgeknutscht. Er wars nicht“, versuchte ich sie zu trösten und schloss sie in meine Arme wo sie bitterlich zu weinen begann.
In meinem Inneren wusste ich, dass er es gewesen war, aber sie war ja so glücklich mit ihm gewesen, bevor diese scheiß Busfahrt war.
„Du bist so lieb“, schluchzte sie und ich spürte wie ihre Tränen mein Hemd durchtränkten. Meine Familie bemerkte davon nichts, sie tanzte munter weiter.

„Ich weiß, dass ich der Beste bin. Komm tanzen wir auch eine Runde, dann geht’s dir sicher besser. Er entschuldigt sich sicher bei dir.“ Ich versuchte sie mit allen Mitteln abzulenken, was hatte sich Marcus nur dabei gedacht.
Medina wischte ihre Tränen weg und nickte. Ich grinste breit, legte eine Hand um ihre Hüfte und umschloss mit der anderen ihre Hand.
Als wir uns zur Musik drehten hoffte ich tief in meinem Inneren, dass Marcus sich nicht entschuldigen würde und Medina für immer bei mir bleiben würde. Ein kleines Lächeln umspielte ihren Mund und ihre Augen schwammen auch nicht mehr in Tränen, sie sah einfach glücklich und wunderschön aus.

Plötzlich hielt sie inne. „Was ist?“
-„Ich hab dir mein Geschenk noch gar nicht gegeben."
„Komm das kann doch warten“, gab ich zurück und führte sie in eine Drehung.
„Nein das kann es nicht. Ich musste durch fast alle Geschäfte rennen um es zu finden. Komm mit." Sie packte meinen Arm und zerrte mich hinauf in ihre Kammer. Mein Herz klopfte wie irre als sie sich auf ihr Bett legte.

Was hatte sie mit mir vor? Doch ich konnte aufatmen. Sie drehte sich auf den Bauch und versuchte etwas unterm Bett hervorzuziehen.
Nach mehreren Versuchen kam eine Päckchen, verpackt in weißes Papier zum Vorschein.
„Ich hoffe es gefällt dir“, sagte sie und stellte sich neben mich, „Komm mach auf."
Langsam schälte ich das Papier von dem Geschenk und eine Schallplatte kam zum Vorschein.
„Die Zauberflöte?“, fragte ich verwundert und ihr Gesicht nahm einen enttäuschten Ausdruck an.
„Ich dachte du magst klassische Musik und deshalb bin ich gestern noch nach Regensburg in den Plattenladen und hab die für dich geholt. Ich dachte es wäre mal was anderes als die klassischen Geschenke."
„Ja, es ist klasse Medina. Danke freut mich wirklich“, beruhigte ich sie, „Willst du nochmal runter?“
Sie nickte und wir liefen Hand in Hand wieder nach unten.

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